DIN SPEC 91020: Zurückgezogen – was heute gilt

Die DIN SPEC 91020 wurde zum 1. Oktober 2020 ersatzlos zurückgezogen. Wir erklären, was die Spezifikation regelte, warum sie entfiel, was mit Zertifikaten geschah und woran sich Unternehmen heute orientieren.

Stand: 27.07.2026

Wer sich mit Standards im betrieblichen Gesundheitsmanagement beschäftigt, stößt früher oder später auf die DIN SPEC 91020. Zahlreiche Ratgeber, Studienskripte und Anbieterseiten führen sie bis heute als maßgeblichen Standard für BGM – und genau hier beginnt das Problem. Die DIN SPEC 91020 wurde nämlich zum 1. Oktober 2020 zurückgezogen. Dieser Beitrag ordnet ein, was die Spezifikation geregelt hat, warum sie entfallen ist, was mit alten Zertifikaten geschieht und woran sich Unternehmen heute orientieren können.

1. Was war die DIN SPEC 91020?

Die DIN SPEC 91020 war eine im Juli 2012 veröffentlichte deutsche Spezifikation, die erstmals Anforderungen an ein betriebliches Gesundheitsmanagement als eigenständiges Managementsystem formulierte. Sie war keine Norm im strengen Sinn, sondern ein im beschleunigten Verfahren erarbeitetes Dokument – erstellt von einem begrenzten Kreis interessierter Fachleute statt im vollständigen Konsensverfahren eines Normenausschusses.

An der Erarbeitung beteiligt waren unter anderem arbeitsmedizinische Dienstleister, Vertreter des Bundesverbands Betriebliches Gesundheitsmanagement, Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Hochschulen sowie Zertifizierungsstellen. Das Ergebnis war zertifizierungsfähig: Unternehmen konnten ihr BGM durch externe Stellen prüfen und mit einem Zertifikat bestätigen lassen.

Der Entstehungskontext erklärt vieles. Um 2010 war der Markt für betriebliche Gesundheitsleistungen bereits deutlich gewachsen, ohne dass es einen gemeinsamen Qualitätsmaßstab gab. Rückenkurs, Obstkorb und strategisches Gesundheitsmanagement liefen unter demselben Begriff. Die Spezifikation sollte Ordnung schaffen und Unternehmen einen prüfbaren Rahmen geben, mit dem sich ernsthafte Ansätze von reinen Einzelaktionen unterscheiden ließen.

Beratungsgespräch zum weiteren Vorgehen nach dem Rückzug der DIN SPEC 91020

Inhaltlich folgte die Spezifikation der klassischen Managementsystem-Logik: Gesundheitspolitik festlegen, Ziele ableiten, Verantwortlichkeiten und Ressourcen klären, Maßnahmen umsetzen, Wirkung überprüfen und nachsteuern. Ihr Gesundheitsbegriff war bewusst breit angelegt und bezog körperliche, psychische und soziale Aspekte gleichermaßen ein.

2. Aktueller Status: seit Oktober 2020 zurückgezogen

Die wichtigste Information zuerst: Die DIN SPEC 91020 ist seit dem 1. Oktober 2020 ersatzlos zurückgezogen und trägt seitdem den Status „historisch“. Neue Zertifikate auf ihrer Grundlage dürfen seit diesem Datum nicht mehr ausgestellt werden. Der zuständige Lenkungsausschuss – der Beirat des Normenausschusses Organisationsprozesse (NAOrg) – hatte den Rückzug im August 2020 beschlossen.

Angekündigt wurde der Schritt bereits 2019. Gegen die geplante Zurückziehung gingen Einsprüche ein, die geprüft wurden; anschließend bestätigte der Beirat die Entscheidung. Nachzulesen ist der Vorgang direkt beim Deutschen Institut für Normung.

3. Warum die Spezifikation zurückgezogen wurde

Die offizielle Begründung ist knapp: Aus Sicht des Normenausschusses werden die wesentlichen Aspekte des betrieblichen Gesundheitsmanagements inzwischen von der DIN ISO 45001 abgedeckt, die 2018 erschienen ist und Managementsysteme für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit regelt. Eine eigene deutsche Spezifikation erschien damit überflüssig.

Fachlich ist diese Begründung nicht unumstritten. Die ISO 45001 stammt aus der Tradition des Arbeitsschutzes und zielt vor allem darauf, arbeitsbedingte Verletzungen und Erkrankungen zu vermeiden. Die DIN SPEC 91020 setzte dagegen stärker bei Gesundheitsförderung, Verhaltensänderung und Unternehmenskultur an – also bei Themen, die über die reine Gefahrenabwehr hinausgehen. Beide Ansätze überschneiden sich, decken sich aber nicht vollständig.

Für die Praxis heißt das: Wer sein BGM ausschließlich an der ISO 45001 ausrichtet, deckt den Arbeitsschutz solide ab, lässt aber typische BGM-Handlungsfelder wie Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung oder gesunde Führung leicht unbelichtet. Diese Lücke sollten Unternehmen bewusst schließen, statt sich auf ein Zertifikat zu verlassen.

4. Was mit bestehenden Zertifikaten passiert

Zertifikate, die vor der Zurückziehung ausgestellt wurden, behielten bis zu ihrem regulären Ablaufdatum ihre Gültigkeit. Da solche Zertifikate üblicherweise drei Jahre laufen, sind sie inzwischen sämtlich ausgelaufen. Eine gültige Zertifizierung nach DIN SPEC 91020 gibt es heute also nicht mehr.

Das ist ein praktischer Prüfpunkt bei der Anbieterauswahl: Wirbt ein Dienstleister aktuell mit einer Zertifizierung nach DIN SPEC 91020, lohnt die Nachfrage nach Ausstellungsdatum und Zertifizierungsstelle. Häufig handelt es sich um eine nicht gepflegte Webseite – manchmal aber auch um bewusstes Marketing mit einem Status, den es so nicht mehr gibt. Weitere Kriterien für diese Prüfung finden Sie in unserer Checkliste zur Auswahl eines BGM-Anbieters.

Team bespricht die Neuausrichtung des BGM nach dem Ende der DIN SPEC 91020

5. Woran sich Unternehmen heute orientieren

Als Nachfolgedokument empfiehlt das DIN ausdrücklich die DIN ISO 45001. Sie ist international anerkannt, zertifizierungsfähig und lässt sich mit anderen Managementsystemnormen kombinieren – etwa mit Qualitäts- oder Umweltmanagement. Für Unternehmen, die ohnehin zertifizierte Managementsysteme betreiben, ist das der naheliegende Weg.

Für kleine und mittlere Unternehmen ist eine vollständige Zertifizierung allerdings oft unverhältnismäßig. Dokumentation, interne Audits und externe Prüfung binden Ressourcen, die in der Umsetzung konkreter Maßnahmen meist wirksamer aufgehoben sind. Sinnvoll wird der Schritt vor allem dann, wenn Kunden oder Ausschreibungen ihn verlangen oder ohnehin ein Managementsystem erweitert werden soll.

Daneben haben einzelne Zertifizierungsgesellschaften eigene Prüfstandards entwickelt, die sich inhaltlich an der DIN SPEC 91020 orientieren. Diese sind allerdings privatwirtschaftliche Angebote ohne den Status eines nationalen oder internationalen Standards. Für den deutschen Rechtsrahmen bleiben unabhängig davon die gesetzlichen Vorgaben maßgeblich – insbesondere das Arbeitsschutzgesetz und die DGUV Vorschrift 1 mit ihrer Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung.

6. Welche Inhalte weiterhin brauchbar sind

Zurückgezogen heißt nicht wertlos. In der BGM-Fachliteratur wird die DIN SPEC 91020 bis heute zitiert, weil sie das Feld sprachlich präziser fasst als viele Alternativen. Ihre Definition von BGM als systematische, dauerhafte Gestaltung gesundheitsförderlicher Strukturen und Prozesse – verbunden mit der Befähigung der Beschäftigten zu eigenverantwortlichem Handeln – gilt weiterhin als brauchbare Arbeitsgrundlage.

Ebenso nützlich bleibt die Prozesslogik. Wer ein BGM aufbaut, kann sich sinnvoll an folgenden Bausteinen orientieren:

  • Gesundheitspolitik: Eine von der Geschäftsführung getragene Grundsatzerklärung, warum Gesundheit im Unternehmen zählt.
  • Ziele und Kennzahlen: Messbare Vorgaben statt vager Absichtserklärungen.
  • Rollen und Ressourcen: Klar benannte Verantwortliche, Budget und Arbeitszeit.
  • Analyse: Ist-Erhebung über Befragungen, Kennzahlen und Gefährdungsbeurteilung.
  • Umsetzung und Kommunikation: Maßnahmen auf Verhaltens- und Verhältnisebene.
  • Bewertung und Verbesserung: Regelmäßige Überprüfung und Nachsteuerung im PDCA-Zyklus.

Dieses Gerüst funktioniert unabhängig davon, ob am Ende ein Zertifikat steht. Genau darin liegt der eigentliche Wert der Spezifikation.

BGM-Struktur im Unternehmen dokumentieren nach Wegfall der DIN SPEC 91020

7. Was das praktisch für Ihr Unternehmen bedeutet

Aus dem Rückzug ergeben sich fünf konkrete Konsequenzen:

  1. Dokumente prüfen: Verweist Ihr BGM-Konzept, Ihre Betriebsvereinbarung oder Ihre Karriereseite noch auf die DIN SPEC 91020, sollte der Bezug aktualisiert werden.
  2. Anbieteraussagen hinterfragen: Zertifizierungsversprechen auf Basis der Spezifikation sind heute nicht mehr belastbar.
  3. Zertifizierungsbedarf ehrlich klären: Ein Zertifikat lohnt vor allem dort, wo Kunden, Ausschreibungen oder Konzernvorgaben es verlangen.
  4. Struktur statt Siegel: Ein funktionierender Steuerungsprozess wirkt stärker als ein Nachweis an der Wand.
  5. Pflichten nicht verwechseln: Gefährdungsbeurteilung und Arbeitsschutz bleiben gesetzlich verbindlich, BGM bleibt freiwillig.

8. Häufige Missverständnisse

Ein erstes Missverständnis betrifft die Verbindlichkeit: Auch zu ihrer aktiven Zeit war die DIN SPEC 91020 nie verpflichtend. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist in Deutschland eine freiwillige Leistung, während Arbeitsschutz und Eingliederungsmanagement gesetzlich geregelt sind.

Ein zweites Missverständnis lautet, BGM sei durch die Zurückziehung „entnormt“ worden und damit weniger wichtig. Das Gegenteil trifft eher zu: Der Bedarf ist gewachsen, lediglich die Zuständigkeit für den passenden Rahmen hat sich verschoben. Und drittens setzen manche ISO 45001 und BGM gleich – ein Kurzschluss, denn Arbeitsschutzmanagement und Gesundheitsförderung verfolgen unterschiedliche Ausgangsfragen.

Hartnäckig hält sich schließlich die Annahme, ein zurückgezogenes Dokument dürfe inhaltlich nicht mehr verwendet werden. Das trifft nicht zu. Es verliert seinen Status als gültiger Standard und damit die Grundlage für Zertifizierungen, bleibt als fachliche Orientierung aber nutzbar – vergleichbar mit einem Fachbuch, dessen Auflage nicht mehr neu erscheint.

Häufige Fragen zur DIN SPEC 91020

Gilt die DIN SPEC 91020 noch?
Nein. Sie wurde zum 1. Oktober 2020 ersatzlos zurückgezogen und hat seither den Status „historisch“.

Kann man sich noch nach DIN SPEC 91020 zertifizieren lassen?
Nein. Seit Oktober 2020 dürfen keine neuen Zertifikate mehr ausgestellt werden. Bestehende Zertifikate liefen bis zu ihrem Ablaufdatum aus und sind inzwischen sämtlich abgelaufen.

Welche Norm ersetzt die DIN SPEC 91020?
Formal gibt es keinen direkten Ersatz. Das DIN empfiehlt die Anwendung der DIN ISO 45001 für Managementsysteme im Bereich Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit.

Worin unterscheidet sich eine DIN SPEC von einer DIN-Norm?
Eine DIN SPEC entsteht in einem verkürzten Verfahren ohne vollständigen Konsens aller betroffenen Kreise. Sie ist dadurch schneller verfügbar, hat aber einen geringeren Verbindlichkeitsanspruch als eine reguläre Norm.

Darf man die Inhalte noch verwenden?
Ja. Die inhaltliche Struktur lässt sich weiterhin als Orientierung für den Aufbau eines BGM nutzen; sie ist lediglich kein zertifizierbarer Standard mehr.

Fazit

Die DIN SPEC 91020 war ein wichtiger Zwischenschritt: Sie hat betriebliches Gesundheitsmanagement erstmals als steuerbaren Prozess beschrieben und dem Feld eine gemeinsame Sprache gegeben. Als formaler Standard ist sie Geschichte, als Denkmodell bleibt sie brauchbar.

Für Unternehmen zählt am Ende weniger das Etikett als die Frage, ob Ziele, Verantwortlichkeiten und Erfolgskontrolle tatsächlich geregelt sind. Eine unverbindliche BGM-Beratung hilft dabei, den passenden Rahmen für die eigene Organisation zu finden – mit oder ohne Zertifikat.