BGM Kennzahlen: Was Unternehmen wirklich messen sollten

Welche BGM Kennzahlen wirklich aussagekräftig sind: Früh- und Spätindikatoren, Berechnung von Krankenstand und Gesundheitsquote, eAU-Effekt bei Benchmarks und ein schlankes Kennzahlen-Set für den Einstieg.

Stand: 11.09.2026

BGM Kennzahlen entscheiden darüber, ob betriebliches Gesundheitsmanagement als steuerbares Managementsystem gilt oder als Sammlung gut gemeinter Einzelaktionen. Viele Unternehmen messen dabei vor allem das, was ohnehin in der Lohnbuchhaltung anfällt: den Krankenstand. Aussagekräftig wird ein Kennzahlensystem aber erst, wenn es auch zeigt, was sich vor den Fehlzeiten verändert.

Dieser Beitrag erklärt, welche BGM Kennzahlen wirklich etwas aussagen, wie Sie die wichtigsten Werte berechnen und warum Vergleiche mit Kassenstatistiken seit 2022 besonders vorsichtig zu lesen sind.

Inhaltsverzeichnis

Kurzantwort: Welche BGM Kennzahlen sind aussagekräftig?

Aussagekräftige BGM Kennzahlen kombinieren Frühindikatoren wie Arbeitsfähigkeit, psychische Belastung und Reichweite der Angebote mit Spätindikatoren wie Krankenstand, Unfallquote und Fluktuation. Frühindikatoren zeigen Veränderungen, bevor sie sich in Fehlzeiten niederschlagen. Spätindikatoren belegen die langfristige Wirkung, reagieren aber träge und hängen von vielen Faktoren außerhalb des Betriebs ab.

Für die meisten Unternehmen reichen sechs bis acht gut gewählte Kennzahlen. Entscheidend ist nicht die Menge, sondern dass jede Kennzahl mit einem Ziel aus dem BGM-Konzept verknüpft ist und regelmäßig nach derselben Methode erhoben wird.

Früh- und Spätindikatoren: das Grundprinzip

Der Krankenstand steht am Ende einer langen Wirkungskette. Bevor Beschäftigte ausfallen, verändern sich meist Belastungen, Arbeitsfähigkeit und Motivation. Wer nur die Fehlzeiten beobachtet, erkennt Probleme deshalb erst, wenn sie bereits Kosten verursachen.

Frühindikatoren messen diese Vorstufen, etwa die Einschätzung der eigenen Arbeitsfähigkeit, wahrgenommene Belastungen oder den Anteil umgesetzter Maßnahmen aus der Gefährdungsbeurteilung. Sie reagieren schneller auf Veränderungen und erlauben es, rechtzeitig gegenzusteuern.

Spätindikatoren bleiben trotzdem unverzichtbar. Sie sind die Zahlen, die Geschäftsführung und Controlling verstehen, und sie zeigen über mehrere Jahre, ob sich die Investition in Gesundheit auszahlt. Gute BGM Kennzahlen verbinden deshalb beide Ebenen, statt sich für eine zu entscheiden.

Die wichtigsten BGM Kennzahlen im Überblick

In der Praxis bewährt sich eine Gliederung in vier Gruppen. Sie orientiert sich am klassischen Qualitätsmodell aus Struktur, Prozess und Ergebnis und unterscheidet beim Ergebnis zusätzlich zwischen früh und spät reagierenden Werten.

GruppeBeispieleLeitfrage
StrukturBGM-Budget je Beschäftigtem, Sitzungen des Steuerkreises, Anteil geschulter FührungskräfteSind die Voraussetzungen geschaffen?
ProzessTeilnahmequote, Reichweite je Bereich, Umsetzungsquote aus der Gefährdungsbeurteilung, BEM-AnnahmequoteKommen die Maßnahmen an?
Ergebnis (früh)Work Ability Index, Belastungswerte aus Befragungen, Präsentismus, ArbeitszufriedenheitVerändern sich Belastung und Gesundheit?
Ergebnis (spät)Krankenstand, Gesundheitsquote, Unfallquote, FluktuationZeigt sich die Wirkung in den Betriebsdaten?

Strukturkennzahlen: Sind die Voraussetzungen da?

Strukturkennzahlen beschreiben die Rahmenbedingungen: Gibt es ein Budget, einen Steuerkreis, klare Zuständigkeiten? Über die Wirkung sagen sie nichts aus. In den ersten zwei Jahren zeigen sie aber, ob ein Unternehmen das BGM tatsächlich verankert oder nur ankündigt.

Prozesskennzahlen: Kommen die Angebote an?

Prozesskennzahlen messen, ob Angebote die richtigen Menschen erreichen. Eine hohe Teilnahmequote ist wenig wert, wenn immer dieselben gesundheitsbewussten Beschäftigten teilnehmen. Aussagekräftiger ist die Reichweite je Bereich oder Schicht: Erreichen die Maßnahmen auch Produktion, Außendienst und Teilzeitkräfte?

Besonders aufschlussreich ist die Umsetzungsquote der Maßnahmen aus der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Sie zeigt, ob erkannte Belastungen tatsächlich bearbeitet werden. Genau an dieser Stelle bleiben viele BGM-Systeme stehen.

Frühindikatoren: Arbeitsfähigkeit und Belastung

Der Work Ability Index (WAI) ist das bekannteste Instrument zur Messung der Arbeitsfähigkeit. Er fasst sieben Dimensionen zu einem Punktwert zwischen 7 und 49 zusammen und ordnet diesen in vier Kategorien von „schlecht“ bis „sehr gut“ ein. Für Unternehmen zählt weniger der Durchschnitt als die Verteilung: Wie groß ist der Anteil der Beschäftigten mit mittelmäßiger oder schlechter Arbeitsfähigkeit?

Ergänzend eignen sich validierte Befragungsinstrumente wie der COPSOQ oder der Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse (KFZA). Selbst entwickelte Fragebögen sind zwar schneller erstellt, liefern aber keine Vergleichswerte und sind methodisch angreifbar.

Spätindikatoren: Wirkung in den Betriebsdaten

Zu den Spätindikatoren zählen neben Krankenstand und Gesundheitsquote die Unfallquote, die Zahl der BEM-Fälle, die Fluktuation und ungeplante Frühverrentungen. Die Unfallquote wird üblicherweise als meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1.000 Vollarbeiter angegeben. Meldepflichtig ist ein Arbeitsunfall, wenn er zu mehr als drei Tagen Arbeitsunfähigkeit führt.

Oft übersehen wird die Zahl der Fälle im betrieblichen Eingliederungsmanagement. Sie zeigt, wie viele Beschäftigte innerhalb von zwölf Monaten länger als sechs Wochen arbeitsunfähig waren. Damit wird sichtbar, in welchen Bereichen sich Langzeiterkrankungen häufen.

Krankenstand und Gesundheitsquote richtig berechnen

Der betriebliche Krankenstand ergibt sich aus den krankheitsbedingten Fehltagen geteilt durch die Soll-Arbeitstage, multipliziert mit 100. Wichtig ist, diese Formel über Jahre unverändert anzuwenden. Wer zwischendurch Kalendertage statt Arbeitstage zugrunde legt oder Kinderkrankentage einrechnet, erzeugt Scheinveränderungen.

Die Gesundheitsquote gibt den Anteil der Beschäftigten an, die im Betrachtungszeitraum keinen einzigen Fehltag hatten. Sie ergänzt den Krankenstand sinnvoll, weil sie zeigt, ob sich Fehlzeiten auf wenige Langzeitfälle konzentrieren oder breit verteilen. Ein Krankenstand von fünf Prozent kann also ganz unterschiedliche Ursachen haben und entsprechend unterschiedliche Maßnahmen erfordern.

Wie Sie aus diesen Werten konkrete Handlungsfelder ableiten, beschreibt unser Beitrag Krankenstand senken: Welche BGM-Maßnahmen wirklich helfen.

Team wertet BGM Kennzahlen aus und bespricht die nächsten Maßnahmen
Früh- und Spätindikatoren gemeinsam auswerten statt nur den Krankenstand zu betrachten

Warum Branchenvergleiche seit 2022 hinken

Viele Unternehmen vergleichen ihren Krankenstand mit den Gesundheitsreports der Krankenkassen. Das ist grundsätzlich sinnvoll, hat aber methodische Haken. Kassen rechnen mit Kalendertagen je Versichertenjahr, und kurze Erkrankungen ohne ärztliche Bescheinigung tauchen in ihren Daten gar nicht auf. Betriebliche Werte liegen deshalb häufig über den Kassenwerten, ohne dass das Unternehmen tatsächlich schlechter dasteht.

Hinzu kommt die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Seit 2022 übermitteln Arztpraxen Krankschreibungen direkt an die Kassen, während früher viele Papierbescheinigungen dort nie ankamen. Laut einer Analyse der DAK-Gesundheit mit dem IGES Institut geht ein erheblicher Teil des Anstiegs der Fehltage auf diesen Meldeeffekt zurück.

Ganz unumstritten ist diese Deutung nicht: Andere Auswertungen, etwa des DIW, sehen die Hauptursache eher in häufigeren Atemwegsinfekten und verändertem Verhalten nach der Pandemie. Für die Praxis ist die Konsequenz trotzdem klar. Kassen-Benchmarks vor und nach 2022 beruhen auf unterschiedlicher Datenqualität, während Ihre eigenen Personaldaten von diesem Effekt kaum betroffen sind.

Typische Fehler bei BGM Kennzahlen

Der häufigste Fehler besteht darin, einzelne Maßnahmen direkt am Krankenstand zu messen. Ein Rückenkurs mit zwölf Teilnehmenden wird die Fehlzeitenquote eines Betriebs mit 300 Beschäftigten nicht messbar bewegen. Solche Angebote bewerten Sie besser über Prozess- und Frühindikatoren, den Krankenstand dagegen über das Gesamtsystem.

In kleinen Unternehmen kommt ein statistisches Problem hinzu: Zwei Langzeiterkrankungen können den Krankenstand eines Jahres verdoppeln. Gleitende Durchschnitte über drei Jahre und der Blick auf die Gesundheitsquote helfen hier mehr als der Vergleich zweier Einzeljahre.

Vorsicht ist auch bei scheinbar guten Nachrichten geboten. Ein sinkender Krankenstand kann bedeuten, dass Beschäftigte häufiger krank zur Arbeit kommen. Deshalb gehört eine Frage zum Präsentismus in jede Befragung, die BGM Kennzahlen liefern soll.

Abzuraten ist schließlich vom Bradford-Faktor, der kurze, häufige Abwesenheiten überproportional gewichtet. Er stammt aus dem angelsächsischen Personalmanagement, erzeugt Druck auf Einzelne und lässt sich mit Mitbestimmung und Datenschutz in Deutschland kaum vereinbaren. Mit gesundheitsorientierter Steuerung hat er wenig zu tun.

Datenschutz und Mitbestimmung bei BGM Kennzahlen

Gesundheitsdaten zählen nach Art. 9 DSGVO zu den besonders geschützten Datenkategorien. BGM Kennzahlen dürfen deshalb nur aggregiert ausgewertet werden, sodass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind. In der Praxis legen Unternehmen dafür Mindestgruppengrößen fest. Wir empfehlen für Teilgruppen wie Abteilungen mindestens 30 Personen je Auswertungseinheit, da kleinere Gruppen bei Gesundheitsdaten schnell Rückschlüsse auf Einzelne zulassen.

Den Betriebsrat sollten Sie frühzeitig einbinden. Softwaregestützte Fehlzeitenauswertungen können als technische Überwachungseinrichtung nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG mitbestimmungspflichtig sein, standardisierte Fragebögen unter Umständen nach § 94 BetrVG. Eine Betriebsvereinbarung schafft Klarheit und stärkt zugleich das Vertrauen der Belegschaft in die Befragungen.

Ein schlankes Kennzahlen-Set für den Einstieg

Für den Aufbau eines Kennzahlensystems hat sich ein Set aus sieben BGM Kennzahlen bewährt. Es deckt alle vier Gruppen ab und lässt sich weitgehend aus vorhandenen Personaldaten und einer regelmäßigen Befragung speisen:

  1. Krankenstand auf Basis der Soll-Arbeitstage, jährlich und nach Bereichen
  2. Gesundheitsquote als Anteil der Beschäftigten ohne Fehltag
  3. Unfallquote je 1.000 Vollarbeiter
  4. Anzahl der BEM-Fälle und Annahmequote der BEM-Angebote
  5. Work Ability Index als Verteilung über die vier Kategorien
  6. Belastungswerte aus einer validierten Befragung, etwa ausgewählte COPSOQ-Skalen
  7. Reichweite der Maßnahmen je Bereich oder Schicht

Jede dieser BGM Kennzahlen braucht einen Zielwert, eine verantwortliche Person und einen festen Erhebungsrhythmus. Wie Sie solche Ziele im Rahmen eines Gesamtkonzepts festlegen, lesen Sie im Beitrag BGM Konzept erstellen. Einen Überblick über Angebote, deren Wirkung Sie mit diesem Set verfolgen können, finden Sie auf unserer Seite Gesundheitsmaßnahmen.

Zur Frage, ob sich die Investition wirtschaftlich lohnt, bietet der iga.Report 28 der Initiative Gesundheit und Arbeit eine Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Prävention Betrieben auch finanziell nutzen kann, vorausgesetzt, Maßnahmen werden gezielt ausgewählt und ihre Wirkung wird überprüft.

Häufige Fragen zu BGM Kennzahlen

Wie viele BGM Kennzahlen braucht ein Unternehmen?

Sechs bis acht Kennzahlen reichen für die meisten Unternehmen. Mehr Werte erhöhen den Erhebungsaufwand, ohne die Steuerung zu verbessern. Wichtig ist eine ausgewogene Mischung aus Früh- und Spätindikatoren.

Wie oft sollten Kennzahlen erhoben werden?

Betriebsdaten wie Krankenstand und Unfallquote lassen sich quartalsweise auswerten, sollten aber im Jahresvergleich bewertet werden. Befragungen wie der WAI sind im Abstand von ein bis zwei Jahren sinnvoll, damit Maßnahmen Zeit haben zu wirken.

Welche Daten liefern die Krankenkassen?

Viele Krankenkassen erstellen auf Anfrage einen betrieblichen Gesundheitsbericht mit Arbeitsunfähigkeitsdaten nach Diagnosegruppen. Voraussetzung ist, dass genügend Beschäftigte bei der jeweiligen Kasse versichert sind, damit die Daten anonym bleiben.

Fazit: Messen, um zu steuern

BGM Kennzahlen sind kein Selbstzweck. Sie sollen zeigen, wo Handlungsbedarf besteht, ob Maßnahmen ankommen und ob sich die Gesundheit der Belegschaft langfristig verbessert. Wer Früh- und Spätindikatoren kombiniert, methodisch konsistent bleibt und den Datenschutz ernst nimmt, gewinnt ein belastbares Steuerungsinstrument.

Sie möchten ein Kennzahlensystem aufbauen, das zu Ihrem Unternehmen passt? In unserer BGM-Beratung entwickeln wir mit Ihnen passende Kennzahlen, Zielwerte und Erhebungsinstrumente.