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Krankenstand senken: Welche BGM-Maßnahmen nachweislich wirken, welche nur Symbolik sind – und wie Sie Fehlzeiten richtig analysieren.
Stand: 04.09.2026
Wer den Krankenstand senken will, stößt schnell auf ein Problem: Die Kennzahl ist leicht zu berechnen, aber schwer zu beeinflussen. Nicht jede Fehlzeit lässt sich betrieblich überhaupt erreichen – und ausgerechnet die größte Diagnosegruppe reagiert am wenigsten auf klassische Angebote der Gesundheitsförderung.
Dieser Beitrag ordnet ein, welche Maßnahmen belastbare Effekte zeigen, welche vor allem symbolisch wirken und wie Sie den Krankenstand senken, ohne in Aktionismus zu verfallen.
Den Krankenstand senken gelingt am zuverlässigsten über die Kombination aus Verhältnisprävention (Arbeitsplatz, Arbeitsorganisation, Führung) und passgenauen verhaltensbezogenen Angeboten. Einzelmaßnahmen ohne Bezug zur tatsächlichen Belastungssituation bleiben in der Regel wirkungslos.
Der iga.Report 28 der Initiative Gesundheit und Arbeit wertete rund 2.400 Studien aus und beziffert den durchschnittlichen Rückgang krankheitsbedingter Fehlzeiten durch betriebliche Gesundheitsförderung auf etwa ein Viertel. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl der Angebote, sondern ihre Passung zur Belastungsstruktur im Betrieb.
Für 2025 meldet die DAK-Gesundheit auf Basis einer Auswertung des IGES Instituts einen Krankenstand von 5,4 Prozent und durchschnittlich 19,5 Fehltage je Beschäftigtem. Die AOK kommt für ihre Versicherten auf 23,3 Krankheitstage, die Techniker Krankenkasse auf 18,6 Tage.
Diese Spannweite irritiert viele Personalverantwortliche. Sie entsteht nicht durch Messfehler, sondern durch unterschiedliche Versichertenstrukturen, Branchenzusammensetzungen und Berechnungsbasen. Ein Vergleich des eigenen Werts mit einer bundesweiten Zahl ist deshalb nur belastbar, wenn beide Werte aus derselben Quelle und Systematik stammen.
Wichtiger noch: Das hohe Niveau seit 2022 ist zu einem erheblichen Teil ein statistischer Effekt der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Seitdem erreichen auch kurze Erkrankungen die Kassen vollständig, die vorher schlicht nicht in der Statistik landeten.
Für die Praxis heißt das: Wer den eigenen Krankenstand mit Werten aus der Zeit vor 2022 vergleicht, misst überwiegend einen Erfassungswechsel – und nicht die Gesundheit der Belegschaft. Wer den Krankenstand senken will, sollte sein Ziel deshalb auf Vergleichswerten ab 2023 aufsetzen; alles andere führt zu Zielgrößen, die nie erreichbar waren.

Atemwegserkrankungen, psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen zusammen rund die Hälfte aller Ausfalltage. Diese drei Gruppen verhalten sich jedoch völlig unterschiedlich – und genau hier scheitern viele Programme.
Atemwegsinfekte erzeugen sehr viele Fälle mit kurzer Dauer. Psychische Erkrankungen erzeugen vergleichsweise wenige Fälle, aber mit einer durchschnittlichen Dauer von rund vier Wochen. Muskel-Skelett-Erkrankungen liegen dazwischen und sind besonders eng an die konkrete Arbeitsgestaltung gekoppelt.
Daraus folgt eine Unterscheidung, die in der Praxis oft fehlt: Wollen Sie die Fallzahl senken oder die Ausfalltage? Auf die Fallzahl wirken vor allem Infektionsschutz, Hygienekonzepte, Impfangebote und klare Regeln für das Arbeiten von zu Hause. Auf die Ausfalltage wirken Arbeitsgestaltung, psychische Belastungsreduktion und ein funktionierendes Rückkehrmanagement.
Wer den Krankenstand senken möchte, sollte deshalb zuerst prüfen, welcher der beiden Effekte die eigene Kennzahl dominiert. Erst danach ist die Diskussion über konkrete Angebote sinnvoll.
Die Evidenzlage ist heterogen, aber nicht beliebig. Für einige Ansätze existieren belastbare Wirkbelege, für andere nicht. Wer den Krankenstand senken will, konzentriert die Mittel auf die erste Gruppe. Eine Übersicht der gängigen Formate und ihres Zusammenspiels finden Sie auf unserer Seite zu den Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung.
Verhältnispräventive Eingriffe zeigen die konsistentesten Effekte auf Muskel-Skelett-Beschwerden. Dazu zählen ergonomische Umgestaltung, Hilfsmittel für belastende Tätigkeiten, Pausenregime bei monotoner Arbeit und die Beteiligung der Beschäftigten an der Gestaltung ihres Arbeitsplatzes.
Der iga.Report weist ausdrücklich darauf hin, dass partizipative Ergonomie besser wirkt als von außen verordnete Lösungen. Wer die Betroffenen einbezieht, erhöht sowohl die Trefferquote als auch die Akzeptanz.
Psychische Diagnosen sind der Treiber langer Ausfallzeiten und steigen seit Jahren. Der gesetzlich vorgeschriebene Einstieg ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen – sie liefert die Datengrundlage, die eine Mitarbeiterbefragung allein nicht ersetzt.
Wirksam sind vor allem Veränderungen an Arbeitsmenge, Handlungsspielraum, Unterbrechungen und Rollenklarheit. Resilienztrainings helfen ergänzend, ersetzen aber keine Korrektur überlasteter Arbeitssysteme.
Führungsverhalten wirkt auf beide Hebel gleichzeitig: auf die Belastung im Alltag und auf den Umgang mit Erkrankten. Gerade Rückkehrgespräche werden häufig delegiert oder gar nicht geführt, obwohl sie zu den kostengünstigsten Instrumenten überhaupt zählen. Wer den Krankenstand senken will, findet hier den günstigsten Hebel: Führungskräfte, die früh und ohne Kontrollgestus das Gespräch suchen, brauchen dafür kein zusätzliches Angebot im Einkauf.
Der Nutzen betrieblicher Prävention ist dort am größten, wo mehrere Ansätze verzahnt werden. Ein Bewegungsangebot entfaltet deutlich mehr Wirkung, wenn parallel die Arbeitsbedingungen angepasst und Führungskräfte eingebunden werden.
Ein kleiner Anteil sehr langer Erkrankungen erzeugt einen großen Anteil der Ausfalltage. Ein strukturiertes Betriebliches Eingliederungsmanagement und eine geplante Wiedereingliederung nach Krankheit haben deshalb oft einen größeren Kennzahleneffekt als jedes Präventionsangebot für die gesunde Mehrheit.
Ebenso wichtig wie die Auswahl wirksamer Maßnahmen ist der Verzicht auf teure Symbolik. Wer den Krankenstand senken möchte, spart am besten zuerst an den folgenden vier Mustern.
Ein weiteres Problem betrifft freiwillige Sport- und Fitnessangebote: Sie erreichen überproportional Menschen, die ohnehin aktiv sind. Der Effekt auf den Krankenstand bleibt klein, solange die belasteten Gruppen nicht gezielt angesprochen werden.
Aus Zahlen wird erst dann ein Plan, der den Krankenstand senken kann, wenn die Reihenfolge stimmt. In der Praxis hat sich dieses Vorgehen bewährt.
Wie sich diese Schritte in ein tragfähiges Gesamtsystem einfügen, zeigt unser Beitrag zum BGM Konzept. Bei der Priorisierung und der methodischen Auswertung unterstützt eine externe BGM Beratung, wenn intern die Datenkompetenz oder die Kapazität fehlt.
Die bekannteste Kennzahl der Branche lautet 1:2,7 – je investiertem Euro sollen 2,70 Euro über reduzierte Fehlzeiten zurückfließen. Der Wert stammt aus dem iga.Report und ist der Median sehr unterschiedlicher Studien, überwiegend aus dem internationalen Raum.
Als Argument im Steuerkreis ist die Zahl brauchbar, als Planungsgröße nicht. Viele der zugrunde liegenden Untersuchungen arbeiten mit kurzen Beobachtungszeiträumen und ohne Kontrollgruppen, teilnehmende Betriebe sind zudem selten repräsentativ.
Realistischer ist eine andere Erwartung: Wer konsequent an Arbeitsgestaltung, psychischer Belastung und Rückkehrmanagement arbeitet, kann den Krankenstand senken – typischerweise um einige Zehntel Prozentpunkte über zwei bis drei Jahre. Sprunghafte Verbesserungen innerhalb eines Jahres sind fast immer ein Erfassungs- oder Saisoneffekt. Wer den Krankenstand senken will, sollte das im Steuerkreis früh transparent machen; überzogene Erwartungen sind der häufigste Grund, warum Programme nach zwölf Monaten wieder eingestellt werden.
Erste Effekte auf Beschwerden und Arbeitsfähigkeit zeigen sich oft nach sechs bis zwölf Monaten. In der Kennzahl selbst wird der Unterschied meist erst nach zwei bis drei Jahren sichtbar, weil saisonale Infektionswellen die Jahreswerte stark überlagern.
Nein. Einzelne Diagnosen unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht und erreichen den Arbeitgeber nicht. Krankenkassen stellen jedoch aggregierte Gesundheitsberichte bereit, sofern der Betrieb eine Mindestgröße erreicht und genügend Beschäftigte bei der jeweiligen Kasse versichert sind.
Ja, im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung nach § 20b SGB V. Gefördert werden allerdings nur Leistungen, die den Kriterien des Leitfadens Prävention entsprechen – strategische Beratungs- und Steuerungsleistungen gehören in der Regel nicht dazu.
Nicht zwingend. Ein auffällig niedriger Wert kann auf Präsentismus hindeuten: Beschäftigte erscheinen trotz Erkrankung, weil sie Nachteile befürchten. Das verschiebt Kosten von der Fehlzeitenstatistik in Produktivitätsverluste und Folgeerkrankungen.
Den Krankenstand senken ist kein Projekt für ein Quartal und keine Frage des Angebotskatalogs. Es beginnt mit einer sauberen Analyse der eigenen Zahlen, führt über die Unterscheidung zwischen Fallzahl und Ausfalltagen zu wenigen, gezielten Eingriffen – und braucht einen langen Atem in der Messung.